Gastbeitrag "Werte" von Wilhelm Müller

Liebe Freunde aus Syrien, Irak, Afghanistan, Iran, Pakistan!

 

ICH MÖCHTE ÜBER „WERTE“ MIT EUCH REDEN!

 

Ich arbeite nun schon über drei Jahre in der Neumarkter Geflüchteten-Hilfe (Chancen-statt-Grenzen e.V. und Flüchtlingshilfe-Neumarkt). Einige von Euch kennen mich, schließlich haben wir schon viele spannende Aktionen miteinander durchgeführt.

Neben der Aufgabe, Eure Basisbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Deutschunterricht, sportliche Betätigung, Freundschaft, Behördengänge, Wohnung, Orientierung, usw.) zu decken, war es mir schon immer ein Anliegen, Euch auch unsere deutschen und europäischen Werte zu vermitteln.

Bedingt durch den großen kulturellen Unterschied gibt es hier auch viel zu tun. Damit meine ich nicht andere Essgewohnheiten, Kleidung, Sprache, Familienstrukturen, Religion, Gewohnheiten usw. Nein, diese Unterschiede bereichern uns hier in Deutschland eher. Es war für mich immer spannend, ein syrisches oder ein pakistanisches Gericht mitessen zu dürfen.

 

Auch haben mich schon immer die unterschiedlichen Vorstellungen von Familienzusammenhalt imponiert.

Deutschland wird durch Euch nur noch bunter. Die Hamburger ticken anders wie die Oberpfälzer. Und nun kommen noch Syrer, Iraker, Afghanen usw. dazu. Bunt also. Kein Problem, für mich eher spannend.

 

Wichtig ist allerdings, dass wir uns alle auf eine gemeinsame Wertewelt einigen. Deutschland und Europa haben sich in einem langen Prozess, der über hunderte von Jahren lief (ein blutiger Kampf gegen autoritäre, politische und religiöse Mächte), ein Wertegerüst geschaffen, das die Basis unseres heutigen Zusammenlebens darstellt. Ich verteidige diese Wertewelt nicht nur, weil ich Deutscher oder Europäer bin, sondern weil diese Wertewelt die Basis des deutschen und europäischen Erfolges ist. Wohlstand, Weltoffenheit, geringe Kindersterblichkeit, hohe Lebenserwartung, gute medizinische Versorgung, Aufnahmebereitschaft für Geflüchtete, ein ausgeprägtes soziales Netz, usw. Aber das wichtigste: KEIN KRIEG IN DEN LETZTEN 70 JAHREN.

 

Viele von Euch sind aus Ländern geflüchtet, weil dort andere Werte und andere Umstände anzutreffen sind: Verfolgung, Krieg, Armut, usw..

 

Und Ihr seid zu uns gekommen, weil wir andere Werte haben und diese anderen Werte es uns möglich machen, Euch aufzunehmen und zu versorgen. Und Ihr Euch dadurch hier sicher fühlt. Daher ist für die meisten von Euch die Annahme und Akzeptanz dieser Wertestruktur selbstverständlich.

 

Und diese Werte wollen und müssen wir gemeinsam behalten und gemeinsam dafür eintreten. Weil wir uns darin wohlfühlen und weil Ihr dadurch eine Sicherheit bekommt.

 

Welche Werte meine ich?

 

- Meinungsfreiheit/Pressefreiheit

- Religionsfreiheit/Religionswechselfreiheit

- Die Freiheit, eine Religion ablegen zu können

- Weltanschauungsfreiheit

- Säkularismus, d.h. Religion und Staat sind zwei getrennte Institutionen

- Evolutionslehre/Wissenschaft

- Selbstbestimmung

- Demokratie/Gewaltenteilung

- Gewaltfreiheit

- Das Machtmonopol hat der Staat

- Sexuelle Selbstbestimmung

- Gleichheit von Mann und Frau

- Toleranz (aber nicht der Intoleranz)

 

Was wir aber in unserer Wertewelt nicht dulden sind:

 

- Homophobie

- Antisemitismus

- Kinderehen

- Gewalt

- Rassismus

- Islamismus

- Frauenunterdrückung

- Intoleranz

- Vielehen

- Machokultur

- Parallelgesellschaften

 

Ich weiß, dass es für manche von Euch ungewöhnlich ist, dass Frauen bei uns die gleichen Rechte haben wie Männer, dass nicht auf den Macho gehört wird sondern auf denjenigen, der die besseren, klügeren Argumente hat. Mir ist auch klar, dass Homosexualität in Euren Ländern vermutlich verboten war (und oft dramatisch bestraft wird).

 

Und besonders wichtig ist mir der Hinweis, dass wir keinen Antisemitismus dulden. Das kommt nach meiner Wertevorstellung nicht nur aus unserer schrecklichen deutschen Vergangenheit, sondern aus dem Selbstverständnis, dass jeder Mensch zuerst als Mensch betrachtet wird, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Nation, seines Glaubens, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung usw.. D.h. ob ein Syrer, ein Hamburger, ein Afghane oder ein Israeli vor mir steht, ist mir zuerst egal. Ich nehme seine Herkunft zur Kenntnis, bewerte das aber nicht.

 

Ich bewerte die Eigenschaften, die er mir als individuelle Person entgegenbringt wie Empathie, Freundlichkeit, Anstand, Respekt, Höflichkeit, Wertschätzung, Fairness, Demokratieverständnis, Rücksichtnahme, Toleranz, Humor, Pünktlichkeit, Integrität, Ordnung und seine Einstellung zu Pluralismus, Liberalismus, Menschenrechte, Demokratie, Religionsfreiheit, Weltanschauungsfreiheit, Gleichberechtigung, Säkularisation, Selbstbestimmung, Offene Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit, Moral, Kindeswohl, Tierrecht, Ökologie, Nachhaltigkeit, Gewaltfreiheit, Wissenschaft, Evolutionslehre, Humanismus, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit.

 

Zurück zum Antisemitismus. Man kann verschiedener Meinung sein zur Politik des israelischen Staates. Das ist erlaubt und darf gewaltfrei diskutiert werden, sowie über jeden anderen Staat und seiner Politik diskutiert werden darf. Das ist nicht überall ein selbstverständliches Recht. Schätzen wir diese Freiheit.

 

Aber genauso, wie ich keinen Syrer oder Amerikaner verurteile, weil der syrische oder der amerikanische Staat etwas tut, was vermeintlich nicht in Ordnung ist, genauso möchten ich nicht, dass mittels Antisemitismus alle Israelis oder Juden generell verteufelt werden. Nein, das darf bei uns nicht  passieren.

 

Ich habe Sie ohne Rassismus empfangen. Ich habe Sie nicht als Syrer, Afghane, Iraner, Iraker oder Somalier begrüßt. Ich habe Sie als Flüchtling betrachtet, dem geholfen werden muss. Bitte vermeiden Sie selbst nun auch jeglichen Rassismus.

Unsere Wertewelt ist nicht verhandelbar. Ich helfe, wie viele andere auch, gerne. Und unser Staat gibt auch viel Geld für Hilfe und Integration aus. Und die meisten Deutschen nehmen Euch gerne in unsere Mitte. Und, um das klar zu stellen, die meisten von Euch haben das verstanden und genießen und leben diese Wertewelt.

 

Und die wenigen Flüchtlinge, die anderer Meinung sind: Ich werde keinen Zentimeter von unserer Wertestruktur abweichen. Weil sie gut für Euch Geflüchtete und gut für uns Deutsche ist.

 

Und wer damit überhaupt nicht klar kommt – kann Deutschland wieder verlassen. Auch dieses Recht existiert im liberalen Deutschland.

 

Wilhelm Müller, Geflüchteten-Helfer aus Neumarkt

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