Herbergssuche

In Neumarkt ist schon bald wieder Weihnachten und es ist die bereits zweite Adventszeit in Deutschland, in der wir noch immer täglich in den Nachrichten über die Flüchtlingssituation hören. Waren letztes Jahr zu dieser Zeit noch unzählige Haupt- und Ehrenamtliche in der Erstaufnahme und in den Notunterkünften mit der Verteilung und Erstversorgung der vielen Menschen beschäftigt, so ist es dieses Jahr scheinbar ruhiger geworden und die Idee, sich besinnlich der Adventszeit hinzugeben, scheint verlockend. Leider ist es so entspannt aber auch in diesem Jahr nicht:

 

Die Neumarkter Erstaufnahme gibt es nicht mehr, die meisten Flüchtlinge sind mittlerweile in dezentralen Wohneinheiten, sogenannten Asylunterkünften untergebracht.Aber auch dort werden sie weiterhin betreut von Integrationshelfern aller Art. Denn eine weitaus schwerere Aufgabe passiert im Kleinen, nahezu Verborgenen: die Integration in unsere Gesellschaft.

 

Vereinzelt sieht man sie noch, die jungen Männer im Neuen Markt oder in der Bücherei, die das WLAN-Angebot nutzen, um mit dem Handy Kontakt zu Familie und Freunden zu halten. Aber die vielen anderen, die Familien und die Frauen, die sieht man höchstens mal im Supermarkt. Die Kinder gehen zur Schule. Die Eltern in den Integrationskurs.
Sie hoffen und suchen nach Möglichkeiten, an ihr früheres Leben anzuknüpfen.
Die meisten von ihnen haben mittlerweile positiven Bescheid vom BAMF bekommen und den Aufruf, ihre Notunterkunft schnellstmöglich gegen eine Sozialwohnung zu tauschen. Denn mit der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft und der Gewährung von Asyl beginnt das Leben mit ALG II, dem hierzulande unter "Hartz 4" bekannten Sozialhilfegeld.


Einen Job zu finden ohne richtig gute Deutschkenntnisse ist fast unmöglich. Eine Handvoll Flüchtlinge in Neumarkt hat dieses Glück bisher gehabt. Die anderen hoffen, dass jemand auf sie aufmerksam wird, durch die Hilfe des Jobcenters oder während eines Praktikums. Oder dass ihre Zeugnisse endlich anerkannt werden und sie studieren dürfen oder eine Ausbildung machen.

 

Die aktuelle Situation lässt sie davon aber nur träumen. Als Flüchtlingshelfer versuchen wir derweil, ihnen Hoffnung zu machen, um durchzuhalten. Denn ihre Situation ist durchaus angespannt: Wie lange sie bleiben werden, wissen die meisten nicht. Manche haben mit ihrer alten Heimat abgeschlossen, wollen hier Fuß fassen und sich ein Leben aufbauen. Manche leben in der Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei ist und sie endlich wieder nach Hause können. Heimweh ist nicht selten ein Grund für das Fremdeln mit der "neuen Heimat Deutschland".


Aber die meisten sind sich ihrer Situation bewusst und die besteht darin, dass sie in meist einfachst in Stand gesetzten Häusern leben mit dem gerade Notwendigsten, was man zum leben braucht: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Fenstervorhänge, Bilder an den Wänden oder Teppiche- oft nicht mal erlaubt. Etwa 8 qm stehen jedem Flüchtling zu, echte Privatsphäre ist nicht vorgesehen. Ausnahmen gibt es zwar, sie sind aber selten.

 

Je öfter wir in diesen Unterkünften sind, desto mehr wissen wir es zu schätzen, daheim die Haustür zu schließen, die eigene Küche-, den eigenen Fernseher-, ein Sofa zum ausruhen- oder das liebevoll gestaltete Kinderzimmer nutzen zu können.
In den Notunterkünftenes gibt oft Verbote, an dieser Wohnsituation etwas zu ändern, sie werden meist von privaten Personen zur Verfügung gestellt, die strengste Auflagen für ihre Bewohner entworfen haben, aus Angst, diese könnten das Wohnumfeld sonst völlig verunstalten.

 

Sowas hat es tatsächlich auch gegeben. In nicht wenigen Einzelfällen ist es zu unverhältnismäßigen Verschmutzungen und Zerstörungen in den Notunterkünften gekommen. Aber was diese vielleicht zwei Dutzend Personen angestellt haben, hat jetzt Auswirkungen auf die mittlerweile 2000 Menschen, die immer noch dort leben: der Ruf war schnell ruiniert.

 

Eine Wohnung für Flüchtlinge zu finden ist schon deshalb eine undankbare Aufgabe für uns Flüchtlingshelfer. Und: der Neumarkter Wohnungsmarkt ist extrem überfordert. Bewerbungen von Flüchtlingen auf eine bezahlbare Wohnung werden in 90 % aller Fälle nicht einmal beantwortet. Ablehnungen werden meist begründet mit "fehlendes regelmäßiges Einkommen", "Menschenschlag, der nicht in die Wohngemeinschaft passt", "Bewerber hat keine Kenntnisse vom deutschen Putzstandard", oder "Bewerber hat vielleicht vor, mehr Personen als angemeldet Unterschlupf zu gewähren". Oder es kommen die "sachlichen" Ablehnungen einiger Immobilienmakler in Neumarkt: "80 qm sind zu klein für vier Personen", "Vermieter istan beruflich gefestigten Mietern interessiert", "Mieteinnahmen und Ablösesumme sind nicht gesichert". Da klingen Angst, Unbehagen, Ablehnung und Vorurteile zwischen den Zeilen heraus. Mit Fakten hat das alles nichts zu tun.

 

Und die Zeit drängt: denn finden die Flüchtlinge in nächster Zeit keine Sozialwohnung, dann bleibt ihnen nur noch die Obdachlosenunterkunft, denn die Unterbringung in den Notunterkünften ist mit der Anerkennung eigentlich vorbei und sie gelten als "Fehlbeleger". In der Goldschmidtstraße wurde eine solche Unterkunft aufgrund der hohen Nachfrage gerade erweitert.


Aber was sind das für Aussichten? Wie soll denn Integration gelingen, wenn hunderte Flüchtlingsfamilien in Containern oder alten Bauernhöfen außerhalb der Stadt hausen, völlig angewiesen auf ihre Betreuer und Ehrenamtliche? Wer möchte denn mit seinen Kindern oder gar Babys dort unterkommen müssen? Sowas wünscht man niemandem.

 

Das Bild der Flüchtlinge ist leider schlecht geworden, bedingt durch bedrohliche Nachrichten über Einzelne unter ihnen.
Wir Flüchtlingshelfer haben aber ein differenzierteres Bild von ihnen: wir sehen die vielen Kinder, die mit Eifer deutsch lernen und neugierig und fröhlich sind. Wir sehen ihre Eltern, die für sie das Beste wollen und dafür sich und ihr vorheriges Leben komplett aufgegeben haben. Sie sind meist erschöpft, überfordert mit diesem neuen Leben, enttäuscht und müde vom ewigen Warten, aber auch gastfreundlich, interessiert und hilfsbereit. Sie versuchen, ihren Kindern die eigene Verzweiflung nicht zu zeigen, verwöhnen sie vielleicht ein bisschen zu viel deshalb, kämpfen sich durch den Integrationskurs, der echt nicht einfach ist und versuchen, im Behördendschungel nichts falsch zu machen. Sie greifen nach jedem Strohhalm.

 

Viele sind aus ihrem stabilen Leben in der Heimat vom Krieg herausgerissen worden, sie hatten Arbeit, Eigentum, Freunde, Zukunft. Das ist vorbei und auch wenn sie überlebt haben und hier in Sicherheit sind, der Verlust schmerzt. Wir sehen die jungen Männer, die fleißig, ordentlich und ausdauernd versuchen, sich ein Leben aufzubauen, dass ihnen eine Zukunft ermöglicht, manchmal, um die Familie daheim finanziell unterstützen zu können, manchmal um hier neu anzufangen nach dem Zusammenbruch ihres bisherigen Lebens und dem Verlust geliebter Menschen.

 

Unsere Erfahrung zeigt: haben diese Menschen einen festen Ansprechpartner oder einen Paten, der sich regelmäßig Zeit für sie nimmt, dann bekommen sie wieder Hoffnung, es entstehen viele Probleme erst gar nicht, alles geht etwas reibungsloser und auch die Sprachkenntnisse verbessern sich schneller durch regelmäßige Gespräche und Treffen.

Die wenigen Flüchtlinge, die in Neumarkt eine Wohnung gefunden haben, beweisen diese Theorie: es gab noch keine Beschwerden seitens der Vermieter, die Freude über eine eigene Wohnung führt schnell zu einer großen Verantwortungsbereitschaft für diese und zu ehrlicher Dankbarkeit.


Die meisten Flüchtlinge möchten nämlich gerne an diesem, unserem Alltagsleben teilhaben, sie wünschen sich Kontakt und hoffen, dass wir ihnen vorbehaltlos eine wahre Chance geben, hier Fuß zu fassen und nicht bloß geduldet zu sein. Momentan ist aber das Gegenteil der Fall: es fehlen uns an allen Ecken und Enden Menschen, die auch diesen Kontakt wollen und Zeit oder eben Wohnungen oder Jobs zur Verfügung stellen.

 

Ein Flüchtling als Mieter hat durchaus auch Vorteile: wie bei jedem ALG II- Empfänger werden Miet- und Nebenkosten bis zu einer festgelegten Grenze pünktlich direkt vom Jobcenter an den Vermieter überwiesen. Selbst für die Ablöse von Möbeln wird ein bestimmter Betrag anerkannt und vom Jobcenter direkt an den Vermieter überwiesen- der Flüchtling zahlt dieses Geld dann in kleinen Raten zurück. Aber abgesehen von diesen finanziellen Sicherheiten, hat man als Vermieter mit Flüchtlingen Menschen ein zu Hause gegeben, die momentan in einer denkbar ungünstigen Lage sind, die dankbar für jeden kleinen Schritt aufwärts sind und die eine ganz eigene Geschichte aus einer anderen Welt mitbringen, die für uns vielleicht fremd und manchmal unverständlich ist, aus der man aber so viel lernen kann, wenn man erstmal ins Gespräch kommt und sich darauf einlassen mag.
 
Als Flüchtlingshelfer erleben wir viel faszinierendes, wie zum Beispiel auch die manchmal beeindruckende Hingabe in die Religion, die als Anker und gewöhnte Tradition so manchem dieser Menschen viel Kraft gibt in dieser für sie schweren Zeit. Es gibt deshalb zwar auch Diskussionsstoff, aber die meisten Flüchtlinge sind erstaunlich offen dafür und erklären, warum das Kopftuch für sie wichtig ist, warum Ramadan ihnen Kraft gibt oder sie kein Schweinefleisch essen. Sie sind aber auch gewillt, uns zuzuhören und auf uns zuzugehen, denn sie alle sehen meist mit erstaunter Dankbarkeit, dass hier Rücksicht genommen wird auf Religion, zum Beispiel in der Schulkantine. Junge Frauen lernen dann hier schwimmen oder Fahrrad fahren, die kleinen Jungs und Mädchen gehen ganz selbstverständlich mit zum Sankt-Martinsumzug und die Familien lernen daheim mit ihren Kindern die Texte für das Krippenspiel in der Grundschule.
Für viele ist ein Hinterfragen der Religion bisher strengstens verboten gewesen und das Misstrauen, dass ihnen hier entgegenschlägt, verunsichert sie zunächst. Unser Eindruck ist für sie ganz neu, aber wie für sie, so kann es auch für uns interessant sein, unseren Glauben, Religion und Tradition zu erklären und mal aus einer anderen Sicht zu betrachten. 

 

Alles ist möglich, aber echte Integration erfordert Mut, Zeit und Offenheit. Wenn wir uns verschließen und allein auf staatliche Hilfe vertrauen, dann wird dieses Projekt scheitern. Integration ist die Bereitschaft einer ganzen Gesellschaft, die Türen zu öffnen und einzuladen. Integration verändert, bereichert aber auch und lässt beide Seiten wachsen.

Deshalb unser Appell an die Neumarkter: öffnet eure Türen, lasst euch nicht verschrecken, macht euch ein eigenes Bild! Gebt den Flüchtlingen eine Chance, hier bei uns eine Heimat zu finden. Seht sie nicht als störend, fremd oder lästig an, sondern als Menschen, die nicht das Glück hatten, in Frieden ihr Leben fortzuführen und jetzt bei uns gestrandet sind und eine Chance brauchen. Neumarkt ist eine großartige, schöne und -zu Recht- stolze Stadt. Es geht uns gut hier, uns fehlt es an fast nichts. Wir können nichts falsch machen, wenn wir die Flüchtlinge daran teilhaben lassen. Chancen statt Grenzen!

 

Wer dazu Lust hat und sein Leben gerne bereichern würde um neue Erfahrungen und vielleicht sogar neue Freunde, oder wer Fragen hat, der meldet sich einfach bei Hallo@ChancenStattGrenzen.org. Wir kennen viele Flüchtlinge persönlich und helfen gern, die ersten Berührungsängste abzubauen. Und wir sind auch dann Ansprechpartner, wenn es zu Missverständnissen oder Problemen kommen sollte!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0